Schülerinnen und Schüler

Es wird doch übers Geld gesprochen

2. Österreichische Staatsmeisterschaften "Schüler/innen debattieren“

Im Zeitalter von Web 2.0 betreten viele von uns kein Restaurant mehr ohne vorher die Meinung von unzähligen Usern abzufragen. Über eine Vielzahl von Internetseiten sprechen und bewerten wir unsere Zahnärzte, Kindergärten, Schulen und Vieles mehr – nur übers Finanzielle reden wir mit kaum jemandem. Denn wie hat es die Großmutter so treffend formuliert: „Über Geld spricht man nicht“.

Als Keynote Speakerin für die zweiten österreichischen Schülerdebattiermeisterschaften (3.6.2016 – Technisch Gewerbliche Abendschule – Wien) versuchte Bettina Pfluger, Wirtschaftsredakteurin beim Standard, eine Lanze dafür zu brechen, dass wir eben über das sprechen, was so oft ausgelassen wird – das liebe Geld. In dieselbe Kerbe schlägt Reinhard Göweil – Chefredakteur der Wiener Zeitung – mit seiner Sichtweise vom Schlaraffenland, indem der Staat für jeden das Geld bereitstellt.

Zumindest für einen Tag wurde ihr Wunsch ausgiebig erhört und 12 Teams österreichweit stritten vortrefflich über das Großthema „Geld und Werte“. In den Seminarräumen der AK Wien debattierten Schülerinnen und Schüler zu Themen wie einem Kollektivvertrag fürs Taschengeld oder die Ausschaltung von Steueroasen unter dem wohlwollenden Blick des Präsidenten der AK – Rudolf Kaske. In der zufällig zugewiesenen Rolle von Regierung bzw. Opposition mussten sie in Dreier-Teams einen kostenfreien Zugang zum Studium oder auch die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens verteidigen oder eben angreifen. Ob bzw. inwieweit dies gelang beurteilten neben einer wechselnde Jury vom Debattierclub Wien, der seit heuer auch offiziell zu den vier besten deutschsprachigen universitären Debattierclubs zählt, auch prominente Vertreter aus Bildung (Abteilungsleiterin Katharina Kiss und Landesschulinspektor Fred Burda) und Wirtschaft (Reinhard Göweil). Die Leistungen der Rednerinnen und Redner machten es der Jury meist nicht leicht, eine einstimmige Bewertung abzugeben – bei einem Punkt gab es aber ein einstimmiges Urteil: sensationelle Leistungen und eine tolle Entwicklung im Vergleich zum letzten Jahr.

Eben dieses letzte Urteil möchte ich etwas genauer unter die Lupe nehmen, weil es meiner Meinung nach Ergebnisse zeigt, die zentral für die Idee eine Debattierclubs und für mündige, selbstbestimmte Schülerinnen und Schüler sind.

Wie (fast) nach jeden Olympischen Spielen, und wohl auch nach Rio 2016, wird man wieder betonen, dass dies die besten Spiele waren, mit den überragendsten Leistungen. Nun ist ersteres ein zutiefst subjektives Empfinden, zweiteres lässt sich aber meist in Metern und Sekunden objektiv und vergleichbar darstellen. Wie kann man aber von einer möglichen Leistungssteigerung beim Debattieren von einem Jahr auf das andere sprechen, wenn eine Leistungsbewertung, bei allen Objektivierungsversuchen, doch zum Teil subjektiv bleibt?

Eine messbare Steigerung gab es in Bezug auf die Teams. Die Entwicklung von 8 auf 12 Teams (die Steigerung wäre noch deutlicher, wenn nicht zwei Teams aus Krankheitsgründen kurzfristig abgesagt hätten) zeugt von einem größeren Interesse und auch einer Steigerung des Selbstvertrauens der Schülerinnen und Schüler. Den Mut, den man aufbringen muss, vor einer Menschenmenge zu reden und dabei noch genau beobachtet und kritisiert zu werden, kann man nicht hoch genug einschätzen – ebenso das Selbstwertgefühl vieler Schülerinnen und Schüler, die eben dies erfolgreich geschafft haben.

Ein weiteres, leicht messbares, Indiz für die Erfahrung und das Training eines Debattanten ist das Ausnützen der Redezeit. War es für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer im letzten Jahr noch die größte Herausforderung, zumindest zwei bis drei Minuten zu füllen, so gab es diesmal kaum Reden, die nicht zumindest 80 % der vorgegebenen Redezeit (5 Minuten bzw. 2,5 Minuten) ausnützten. Die rhetorische Steigerung auch in Bezug auf die Gestik war klar erkennbar – wir haben Schülerinnen und Schüler gesehen, die über eine längere Zeitspanne frei und überzeugend sprechen konnten – eine Kompetenz, die durchaus selten im Schulalltag geworden ist.

Sieht man sich die Ergebnislisten an, erkennt man auch, dass die Punkteamplitude – der Abstand zwischen den besten und den schlechtesten Teams - im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist. Selbst vermeintlich schwächere Teams konnten ihren Gegnern Paroli bieten und zeigten damit die wohl deutlichste Steigerung zum letzten Jahr.

Die besten Argumente für eine deutliche Entwicklung im Schülerdebattieren stellen aber die komplexen Themen dar. Wurde bei den letzten Staatsmeisterschaften zum Beispiel noch über die Vor- und Nachteile von Fastfood in Schulbuffets besprochen, standen heuer handfeste volkswirtschaftliche Themen am Programm, die wohl auch einige Lehrerinnen und Lehrer ins Schwitzen gebracht hätten. Die Komplexität der Themen steigerte sich bis zum Finale, wo schließlich die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen erörtert wurde. Gewonnen hat hier die Opposition, die die Ängste einer hohen Staatsverschuldung und einer galoppierenden Inflation über die Vorteile des „Helikoptergeldes“ stellte. Interessanterweise entschieden sich die Bewohner der Schweiz in einer Volksabstimmung zwei Tage später auch für diese Seite – vielleicht haben ja ein paar zugehört und sind überzeugt worden?

Fazit: Die Schülerdebattiermeisterschaften haben eine deutliche Entwicklung gezeigt. Eine Entwicklung hin zu selbstbewussteren, argumentierfreudigeren Schülerinnen und Schülern, die eine Meinung haben und diese auch überzeugend vortragen können. Was will man mehr?  Stefan Lamprechter/Johannes Lindner

Foto 1: Staatsmeister/innen „Schüler/innen debattieren“
Stern Sophie, Michael Feldmann, Karin Pfeifer und Gabor Gorondy, Debattierclub der VBS Floridsdorf

Foto 2: Staatsmeisterin „Freie Rednerin“ Anna-Maria Apata, Hertra-Firnberg Schule. Die Jury umfasste (von links nach rechts): LSI Fred Burda, Marvin Grünthal, Barbara Strachwitz (Erste FLiP), Reinhard Göweil (Chefredakteur Wiener Zeitung) und Madlen Stottmeyer (Debattierklub Wien).

Foto 3: Logo „Misch dich ein – Staatsmeisterschaft"

Foto 4: AL OStR Mag.a Katharina Kiss gratuliert Stefan Lamprechter für den sehr erfolgreichen Debattierclub der VBS Floridsdorf, der in diesem Jahr das Staatsmeister und Vize-Staatsmeister-Team stellt! ( Stefan Lamprechter, Katharina Kiss, Orator Rostra, Johannes Lindner).

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Nähere Informationen zu den nächsten Terminen entnehmen Sie bitte dem Anhang

„Misch dich ein – der Debattierclub“ ist eine Kooperation der KPH Wien/Krems, des Debattierklubs Wien, eesi-Impuszentrum des BMBF und ifte.at. Partner ist die Arbeiterkammer Wien.  Kontakt: johannes.lindner@kphvie.ac.at

Norbert Hanauer | Do, 9. Juni 2016